Unterschätzt und unterbehandelt
Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen
Erhöhte Cholesterinwerte – allen voran ein erhöhter LDL-Cholesterinspiegel (LDL-C) – zählen zu den wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall. Vor allem bei Patient:innen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen sehen Fachleute deshalb großen Handlungsbedarf im Cholesterinmanagement.1 Im Rahmen verschiedener kardiologischer Fachkongresse wurde kürzlich erneut betont, dass es zwischen Frauen und Männern Unterschiede in der Diagnose und Behandlung von erhöhten Cholesterin-Blutwerten gibt.
Was ist LDL-Cholesterin und was passiert bei erhöhten Werten?
Erhöhte LDL-C-Werte zählen zu den entscheidenden Treibern der sogenannten Atherosklerose – umgangssprachlich auch als Gefäßverkalkung bezeichnet. Befindet sich zu viel LDL-C im Blut, setzt sich dieses in der Gefäßwand ab, fördert lokale Entzündungsprozesse und beschleunigt die Bildung atherosklerotischer Ablagerungen. Die Folge sind Gefäßverengungen oder vollständige Verschlüsse – mit gravierenden Folgen: Das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt deutlich.2 In der EU sterben jedes Jahr rund 3,5 Millionen Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.3 Das entspricht rund 42,5 % aller Todesfälle – damit sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch vor Krebs die häufigste Todesursache.
Trotz Behandlung bleiben Cholesterinwerte häufig zu hoch
Die frühzeitige Senkung erhöhter LDL-C-Werte gilt als eine der wirksamsten Strategien, um das Fortschreiten der Atherosklerose zu verlangsamen oder sogar zu stoppen und dadurch das Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse deutlich zu senken. Die leitlinienbasierten LDL-C-Zielbereiche bilden dabei den zentralen Referenzrahmen der Therapie: Sie definieren über Zielwerte, wie tief Patient:innen ihren LDL-C-Wert senken sollen, um ihr individuelles Risiko bestmöglich zu reduzieren.4,5
Vor diesem Hintergrund konkretisieren die aktuellen Leitlinien, wie diese Zielwerterreichung in der klinischen Praxis bestmöglich umgesetzt werden kann – und welche therapeutischen Ansätze dafür besonders wirksam sind.
Was ist wichtig?
Wie niedrig der LDL-C-Wert im Einzelfall liegen sollte, richtet sich nach dem individuellen Risikoprofil. Eine bereits bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung oder das Zusammentreffen mehrerer Risikofaktoren führt dazu, dass deutlich niedrigere Werte angestrebt werden sollten. In der Versorgung zeigt sich jedoch, dass viele Betroffene ihre empfohlenen Zielwerte nicht erreichen und oft nicht einmal kennen.
Eine große internationale Studie verdeutlicht, dass häufig nur ein einziges lipidsenkendes Medikament eingesetzt wird, obwohl dies bei vielen Risikogruppen nicht ausreicht, um den gewünschten LDL-C-Wert zu erreichen.6
Gerade bei Patient:innen mit hohem oder sehr hohem Risiko (z. B. Personen, die unter Diabetes und Bluthochdruck leiden oder Menschen, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben) empfehlen die Leitlinien daher in bestimmten Fällen den Einsatz von Kombinationstherapien. Wirkstoffe, die an unterschiedlichen Stellen des Lipidstoffwechsels eingreifen, können zusammen eine effektivere Senkung ermöglichen als die Steigerung der Dosis eines einzelnen Präparats.4–6
Eine solche Therapie trägt dazu bei, den LDL-C-Wert verlässlich in den empfohlenen Bereich zu führen und das langfristige Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall zu verringern.1
Cholesterin und Herzgesundheit: Warum Frauen oft übersehen werden
Frauen mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie zu hohen LDL-C-Werten, erhalten in der medizinischen Versorgung häufig weniger Aufmerksamkeit als Männer – obwohl ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen im späteren Lebensverlauf vergleichbar hoch ist. Beschwerden werden bei ihnen häufiger fehlgedeutet, Diagnosen später gestellt und Therapien weniger konsequent umgesetzt.7 Doch woher kommt dieser Unterschied?
Symptome sind oft verschieden
Herz-Kreislauf-Erkrankungen können sich bei Frauen anders bemerkbar machen als bei Männern. Gleichzeitig waren Frauen in vielen wissenschaftlichen Studien über Jahrzehnte hinweg deutlich unterrepräsentiert, weshalb zentrale Erkenntnisse aus diesen Untersuchungen nicht immer direkt auf sie übertragbar sind.8 Diese Kombination aus abweichender Symptomatik und unvollständiger Datenlage führt dazu, dass Beschwerden von Frauen häufiger fehlinterpretiert oder verharmlost werden.7,8 Die Folge sind verzögerte Diagnosen – oder Diagnosen, die ganz ausbleiben – und damit ein späterer Beginn wirksamer therapeutischer Maßnahmen.7,8
Der Unterschied bei den LDL-C-Werten
Auch das Risiko durch hohe LDL-C-Werte wird häufig unterschätzt, sowohl von Ärzt:innen als auch von den betroffenen Frauen selbst.7 Denn für die Bewertung dieser Werte sind die körperlichen Unterschiede von Bedeutung:
- Hormonelle Veränderungen: Menstruation, Schwangerschaft und Wechseljahre haben einen Einfluss auf den Fettstoffwechsel und damit auch auf die Cholesterinwerte.7,8
- Später Anstieg mit schnellerem Risiko: Bei Männern steigen die LDL-C-Werte schon ab dem 20. Lebensjahr langsam und gleichmäßig an, bei Frauen hingegen steigen die LDL-C-Werte meist erst ab Beginn der Wechseljahre, dafür aber schneller.7 Dadurch wächst auch ihr Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall.9
Erhöhtes LDL-C für Frauen oft gefährlicher als für Männer
Erhöhte LDL-C-Werte sind für alle gefährlich – gerade für Frauen stehen sie jedoch in noch engerem Zusammenhang mit dem Risiko für Herzinfarkte, koronare Herzkrankheiten und Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. So zeigte eine Studie7, dass selbst geringe Anstiege dieser Cholesterinform bei Frauen das relative Risiko für einen Herzinfarkt deutlicher erhöhte als bei Männern, auch wenn die Gesamtzahl der von einem Herzinfarkt betroffenen Männer höher war. Um das Risiko von Frauen zu verringern, sollten Unterschiede im Fettstoffwechsel und die Bedeutung angestiegener LDL-Cholesterinwerte daher immer mitbedacht werden.

Bildquelle: Daiichi Sankyo, erstellt auf Basis der Quellen 7–9
One fits all? Warum die Behandlung von zu hohem Cholesterin bei Männern und Frauen unterschiedlich verlaufen kann
In medizinischen Empfehlungen zur Behandlung von erhöhtem LDL-C – den medizinischen Leitlinien – wird bislang kein Unterschied zwischen Männern und Frauen gemacht.5 Frauen erreichen ihre empfohlenen LDL-C-Zielwerte jedoch seltener als Männer – ein Hinweis darauf, dass Behandlungen zu spät oder in zu geringer Intensität begonnen werden.7,8 So erhalten selbst Frauen mit erblich bedingt erhöhtem LDL-C eine entsprechende Diagnose häufig verzögert im Vergleich zu Männern mit derselben Erkrankung.9 Auch nach der Diagnose können Unterschiede in der Behandlung beobachtet werden, unter anderem, weil es bei Frauen, infolge von Schwangerschaft und Stillzeit, häufiger zur Unterbrechung einer Behandlung mit lipidsenkenden Medikamenten kommt.7 Wie bei vielen anderen wissenschaftlichen Studien nehmen auch an Studien zu Cholesterinsenkern zudem häufiger Männer als Frauen teil – im Schnitt sind nur 38 % der Teilnehmenden Frauen.8 Dadurch werden Unterschiede in der Wirkung und den Nebenwirkungen teilweise nur unzureichend erfasst, auch wenn das nicht für alle Studien zu cholesterinsenkenden Arzneimitteln gilt.
Individuelles Risiko stärker in den Blick nehmen
Die bisherigen Erkenntnisse zeigen, dass erhöhte LDL-C-Werte für Frauen in vielerlei Hinsicht eine besondere Bedeutung haben.
Umso wichtiger ist es, die individuelle Risikofaktoren zu berücksichtigen und Veränderungen der Cholesterinwerte frühzeitig zu erkennen. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen können dabei helfen, die Entwicklung der LDL-C-Werte im Blick zu behalten, mögliche Risiken besser zu beurteilen und gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt Entscheidungen über das weitere Vorgehen zu treffen.
So kann schrittweise sichergestellt werden, dass sowohl Frauen als auch Männer die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um ihr persönliches Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen langfristig gering zu halten.
Fazit: Therapie individuell anpassen
Besonders ab der Lebensmitte ist es wichtig, erhöhte Cholesterinwerte frühzeitig und gezielt zu behandeln – bei Frauen ebenso wie bei Männern, aber nicht identisch.
Eine individuell abgestimmte Therapie ist entscheidend. Denn: Nicht jedes Medikament wirkt bei allen gleich und nicht jedes Medikament ist aufgrund möglicher Nebenwirkungen für alle Menschen geeignet.
So lässt sich das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall langfristig und wirksam senken.
Quellen:
- Ray KK et al. Lancet Reg Health Eur. 2023; 29:100624.
- Ference BA et al. Eur Heart J. 2017; 38(32):2459–2472.
- World Health Organization (WHO). Cardiovascular diseases kill 10,000 people in the WHO European Region every day – with men dying more frequently than women. 2024. Available from: https://www.who.int/europe/news/item/15-05-2024-cardiovascular-diseases-kill-10-000-people-in-the-who-european-region-every-day–with-men-dying-more-frequently-than-women
- Mach F et al. Eur Heart J. 2020; 41(1):111–188.
- Mach F et al. Eur Heart J. 2025; ehaf190.
- Ray KK et al. Eur J Prev Cardiol 2024; 31(15):1792-1803.
- Roeters van Lennep JE et al. Eur Heart J. 2023; 44:4157–4173.
- Vogel B et al. Lancet. 2021; 397(10292):2385–2438.
- Gouni-Berthold I, Laufs U. Dtsch Arztebl Int. 2024; 121:401-406.