Mit der Smartwatch unregelmäßigen Herzschlag frühzeitig erkennen

Mehr als ein Lifestyleprodukt?

Ein unregelmäßiger Herzschlag kann harmlos sein – manchmal steckt jedoch Vorhofflimmern dahinter, die häufigste Herzrhythmusstörung. In Deutschland sind rund 1,6 Millionen Menschen von Herzrhythmusstörungen betroffen.1 Das Herz schlägt dabei unregelmäßig und oft zu schnell. Etwa ein Drittel aller Betroffenen bemerken das lange Zeit nicht, weil nur schwache oder gar keine Symptome auftreten, doch ohne Behandlung steigt das Risiko für einen Schlaganfall.2,3

Da die Beschwerden oft fehlen oder nur gelegentlich auftreten, bleibt Vorhofflimmern häufig unentdeckt. Hier kommen moderne Technologien ins Spiel: Neben dem klassischen Elektrokardiogramm (EKG) können heute auch manche Smartwatches Hinweise auf Herzrhythmusstörungen liefern. Je nach Funktion messen sie mitunter Puls und Herzrhythmus, erkennen Unregelmäßigkeiten und geben frühzeitig Warnsignale – oft, bevor man selbst etwas bemerkt.3 Medizinische Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und die Deutsche Herzstiftung sehen darin einen wichtigen Fortschritt. Dennoch gilt: Die endgültige Diagnose stellen immer die Ärzt:innen.3,4

So erkennt man Vorhofflimmern

Vorhofflimmern wird in der Regel mithilfe eines Elektrokardiogramms (EKG) diagnostiziert, da nur so der unregelmäßige Herzrhythmus eindeutig nachgewiesen werden kann. Im Ruhe-EKG (12-Kanal-EKG) zeigen sich typische Abweichungen, doch bleibt die Aufzeichnung oft unauffällig, wenn die Störung nur zeitweise auftritt.4

Dann hilft meist ein Langzeit-EKG, das über 24 Stunden oder mehrere Tage aufzeichnet. Dennoch können auch diese Messungen Episoden übersehen – etwa wenn sie außerhalb des Messzeitraums auftreten.3,4

Weil Vorhofflimmern häufig symptomlos bleibt, kommen zunehmend ergänzende Technologien wie kontinuierlich messende, sogenannte Wearables – tragbare Geräte, die Körperfunktionen fortlaufend messen – oder implantierbare Rekorder zum Einsatz. Sie können unter Umständen dabei unterstützen, diagnostische Lücken zwischen einzelnen EKG-Messungen zu schließen.3

Smartwatches als Ergänzung: Was können sie wirklich?

Immer mehr Menschen tragen sie täglich am Handgelenk – Smartwatches. Neben Schrittzahl, Kalorienverbrauch und Schlafanalyse können viele Modelle mittlerweile auch den Herzrhythmus überwachen. Damit können sie dabei helfen, potenzielle Unregelmäßigkeiten frühzeitig zu bemerken, was Anlass zur weiterführenden ärztlichen Abklärung geben kann.1

Kleine Sensoren ermöglichen kontinuierliche Messungen

Smartwatches gehören zu den Wearables und nutzen kleine Sensoren und spezielle Algorithmen, um Puls und Herzrhythmus zu erfassen; ähnlich wie medizinische Geräte, nur alltagstauglicher.3,5

Zwei Messverfahren sind entscheidend, wenn es um die Erkennung von Herzrhythmusstörungen, die beispielsweise auf Vorhofflimmern deuten, geht: die Photoplethysmographie (PPG) und das 1-Kanal-EKG.3

Photoplethysmographie (PPG)
1-Kanal-EKG
Leuchtet mit grünem oder infrarotem Licht in die Haut, der Herzschlag wird durch Pulswellen aus den reflektierten Strahlen sichtbar.5
Durch das Platzieren eines Fingers der freien Hand auf dem Uhrengehäuse entsteht ein Stromkreis, über den die Herzströme gemessen werden.3
Warnung bei unregelmäßigem Rhythmus dieser Wellen: möglicher Hinweis auf Rhythmusstörungen (ärztliche Abklärung von Vorhofflimmern empfohlen).6
Das Ergebnis erscheint direkt auf dem Display oder in einer App.7
In Studien konnten manche Smartwatches mit sehr hoher Genauigkeit Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern erkennen bzw. ausschließen, allerdings nur, wenn die Uhr korrekt sitzt und die Sensoren sauber sind.3,5,7 Im Alltag können die Ergebnisse durch Bewegung und Hauttemperatur zusätzlich beeinflusst sein. Zudem ist die Genauigkeit nicht für jedes Modell und jeden Hersteller genau überprüft.
Hohe Genauigkeit bestimmter Geräte in Studien (bis zu 90 % bei der Erkennung/dem Ausschluss von Vorhofflimmern), jedoch nicht so genau wie ärztliches EKG.3,5,6 Im Alltag können die Ergebnisse durch Bewegung und Hauttemperatur zusätzlich beeinflusst sein. Zudem ist die Genauigkeit nicht für jedes Modell und jeden Hersteller genau überprüft.
Auffällige Werte immer ärztlich prüfen lassen.4,5

Medizinprodukt oder Lifestyle-Gadget?

Nicht jede Smartwatch, die Puls oder EKG misst, ist automatisch ein Medizinprodukt. Entscheidend ist die Zertifizierung nach der europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR). Nur Geräte mit dieser Zulassung wurden klinisch geprüft und dürfen medizinisch eingesetzt werden.4,8 Viele handelsübliche Modelle können hilfreiche Hinweise geben, ersetzen aber keine ärztliche Untersuchung oder Diagnose.3

Wie zuverlässig sind Smartwatches bei der Erkennung von Vorhofflimmern?

Smartwatches können Rhythmusstörungen, die eventuell Vorhofflimmern sein könnten, mit hoher Genauigkeit erkennen – das zeigen zahlreiche Studien. Dennoch hängt die Zuverlässigkeit stark davon ab, wie und unter welchen Bedingungen gemessen wird.3,5–7

Hohe Genauigkeit in Studien

Einige Studien mit insgesamt sehr vielen Teilnehmenden zeigen, dass bestimmte Smartwatches Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern mit hoher Genauigkeit erkennen können. Hierbei wurden durchaus Erkennungsraten erreicht, die an medizinische Verfahren heranreichen.6,7,9 Wichtig ist jedoch: Diese Ergebnisse gelten nur für ausgewählte Geräte unter Studienbedingungen – nicht alle Modelle sind gleichermaßen zuverlässig oder ausreichend geprüft. Für eine sichere Diagnose bleibt daher die ärztliche Untersuchung unerlässlich.5

Was die Messgenauigkeit beeinflusst

Damit die Uhr verlässliche Daten liefert, sollte sie fest, aber nicht zu eng am Handgelenk sitzen und die Sensoren müssen sauber sein. Auch äußere Einflüsse spielen eine Rolle: Bei Bewegung, Kälte oder schwacher Hautdurchblutung kann das Signal verfälscht werden.3,5 In solchen Fällen erkennt die Uhr möglicherweise kein Ereignis oder meldet fälschlicherweise eines. Geräte mit sogenanntem 1-Kanal-EKG gelten als präziser, weil sie elektrische Signale direkt aufzeichnen. Dennoch zeigen sie nur einen kleinen Ausschnitt des Herzrhythmus – kein vollständiges Bild wie ein ärztliches 12-Kanal-EKG.3

Fehlalarme und ärztliche Abklärung

Trotz der hohen Genauigkeit kann es immer wieder zu Fehlalarmen kommen, zum Beispiel bei harmlosen Extraschlägen. Daher gilt: Eine Smartwatch kann Hinweise liefern, aber keine Diagnose stellen. Auch fehlende Warnungen durch die Smartwatch schließen das Vorliegen einer Herzrhythmusstörung nicht aus.3 Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und die Deutsche Herzstiftung empfehlen, jede Auffälligkeit ärztlich abklären zu lassen.3,4 Ärztinnen und Ärzte sichern die Diagnose über Ruhe- oder Langzeit-EKG und entscheiden über das weitere Vorgehen.3

Was passiert, wenn die Smartwatch eine Unregelmäßigkeit erkennt?

Wichtig: Eine Warnung der Smartwatch ist kein Befund, sondern nur ein Hinweis auf einen unregelmäßigen Herzschlag.3,7

Schritt 1: Ruhe bewahren und Messung prüfen

  • Smartwatch abnehmen, kurz warten, dann in Ruhe erneut messen – Uhr sollte fest sitzen, Sensoren sauber sein, keine Bewegung während der Messung.5
  • Wenn möglich, ein 1-Kanal-EKG aufzeichnen. Wird die Unregelmäßigkeit bestätigt, könnte es ein ernstzunehmender Hinweis sein.3
  • Messdaten speichern (z.B. über Screenshot- oder Exportfunktion) – zur späteren Vorlage bei der Ärztin oder dem Arzt.3,6

Wichtig! Die Smartwatch erkennt keine genaue Ursache – ob Vorhofflimmern oder harmlose Extraschläge, muss medizinisch geklärt werden.3,6

Schritt 2: Ärztliche Abklärung

  • Bei wiederholten Warnmeldungen: zeitnah ärztlichen Rat einholen (hausärztliche oder kardiologische Praxis).3,4
  • Arztgespräch über Beschwerden und Risikofaktoren, anschließend meist ein 12-Kanal-Ruhe-EKG oder Langzeit-EKG (24–72 Stunden).4
  • Nur diese Untersuchungen liefern eine gesicherte Diagnose und Grundlage für die richtige Therapie.3

Schritt 3: Weitere Tests bei Bedarf

  • Wenn Vorhofflimmern selten oder kurzzeitig auftritt, kann der Arzt weitere Verfahren empfehlen: Ereignisrekorder oder implantierbarer Loop-Recorder, der über Wochen oder Monate den Herzrhythmus aufzeichnet.9
  • Diese Geräte liefern mehr Daten und gelten als klinischer Standard bei unklaren Fällen.3,9

Schritt 4: Bedeutung für Betroffene

  • Wird Vorhofflimmern bestätigt, ermöglicht eine frühzeitige Behandlung, das Risiko für Schlaganfälle zu senken.3,7
  • Auch wenn sich der Verdacht nicht bestätigt, ist die Abklärung wichtig: Sie schafft Sicherheit und hilft, andere Ursachen für Herzstolpern auszuschließen.4

Chancen und Grenzen digitaler Herzüberwachung

Smartwatches und andere digitale Gesundheitshelfer haben in den vergangenen Jahren zunehmend Einzug in den Alltag gehalten. Sie eröffnen neue Möglichkeiten, die eigene Herzgesundheit aktiv im Blick zu behalten – und können dabei helfen, Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern frühzeitig zu erkennen.3,7 Dennoch gilt: Technik kann viel, aber nicht alles.

Chancen: Früherkennung und Motivation zur Herzgesundheit

Ihr Vorteil liegt in der regelmäßigen Messung: Während ein ärztliches EKG nur einen kurzen Moment oder einen festgelegten Zeitraum aufzeichnet, erfassen Smartwatches Herzrhythmen über längere Phasen.3,5 So lassen sich manchmal auch unregelmäßig auftretende Störungen erkennen, die sonst unbemerkt bleiben.6 Zudem fördern die Geräte das Bewusstsein für die eigene Gesundheit – viele Menschen achten dadurch stärker auf Bewegung, Stress und Puls.4

Trotzdem gilt: Smartwatches sind kein Ersatz für ärztliche Untersuchungen.3 Sie erkennen möglicherweise Auffälligkeiten, können sie aber nicht medizinisch bewerten. Ein unregelmäßiger Puls kann viele Ursachen haben – von Stress oder Koffein bis hin zu harmlosen Extraschlägen.3 Nur ein Arzt oder eine Ärztin kann beurteilen, ob tatsächlich Vorhofflimmern oder eine andere Erkrankung vorliegt.3,4

Ein weiteres Risiko besteht in der falschen Sicherheit. Wenn die Uhr keine Auffälligkeit meldet, schließen manche Nutzer fälschlicherweise auf ein gesundes Herz. Dabei kann Vorhofflimmern zeitweise auftreten und zwischen den Episoden völlig unauffällig sein.3 Umgekehrt können Fehlalarme unnötige Sorge auslösen – vor allem bei technikaffinen Menschen, die jedes Signal überinterpretieren.4

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Wird der Arztbesuch überflüssig?

Laut der Deutschen Herzstiftung ist die Analyse der Geräte (noch) zu fehleranfällig. Anwendende müssen außerdem in der Lage sein, die Smartwatch richtig zu bedienen, um verlässliche Werte zu erhalten. Aber selbst bei verlässlichen Werten bleibt kundiges Fachpersonal unverzichtbar: Nur Fachleute können die Messungen korrekt interpretieren und die passenden diagnostischen Schritte und Therapien ableiten. Patient:innen sollten die Auswertung der Daten deshalb immer mit ihrem behandelnden Kardiologen oder ihrer behandelnden Kardiologin oder in der hausärztlichen Praxis abstimmen.4

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?

So hilfreich Smartwatches bei der Früherkennung von Herzrhythmusstörungen auch sind – die Kosten müssen Nutzerinnen und Nutzer meist selbst tragen.3,7

Damit Krankenkassen digitale Anwendungen erstatten dürfen, müssen diese bestimmte gesetzliche Anforderungen erfüllen. Grundlage ist das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG). Es erlaubt die Kostenübernahme sogenannter digitaler Gesundheitsanwendungen (DiGAs).10

Um als DiGA zugelassen zu werden, muss ein Produkt im BfArM-Verzeichnis stehen und strenge Kriterien erfüllen – etwa eine Zertifizierung als Medizinprodukt, Datenschutzkonformität und einen in Studien nachgewiesenen medizinischen Nutzen.11

Viele Smartwatches erfüllen diese Vorgaben bislang nicht vollständig und gelten daher weiterhin als Wellness- oder Lifestylegeräte.

Was gilt für zertifizierte Geräte?

Einige Modelle haben einzelne Funktionen, zum Beispiel die EKG-Aufzeichnung, inzwischen als Medizinprodukt der Klasse IIa zertifizieren lassen. Solche Daten dürfen Ärztinnen und Ärzte zur Diagnostik heranziehen – eine Kostenerstattung durch Krankenkassen ist jedoch derzeit nicht vorgesehen.3

Blick in die Zukunft

Die Entwicklung schreitet schnell voran. Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) fordern, Wearables künftig stärker in die Vorsorge einzubinden.3 Sobald Studien ihren Nutzen belegen, könnten einzelne Funktionen als DiGA zugelassen werden.7,10

Auch Krankenkassen und Forschungsinstitute prüfen derzeit Pilotprojekte, um den Einsatz solcher Daten in der Regelversorgung zu testen.5 Bis dahin bleibt die Smartwatch eine persönliche Gesundheitsinvestition – eine, die helfen kann, Herzrhythmusstörungen früh zu erkennen und Folgeschäden zu verhindern.7

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Das Fazit der Expert:innen

  • Die Fachleute zeichnen insgesamt ein positives Bild der Wearable-basierten Erkennung von Herzrhythmusstörungen.3,4
  • Wearables können prinzipiell in der Lage sein, Hinweise auf Vorhofflimmern zu liefern, sie ersetzen jedoch keinen Arztbesuch.3,5
  • Derzeit werden solche Geräte nicht von den Krankenkassen erstattet – ein Nachteil für viele Patient:innen, wie die Fachleute betonen.3

Quellen:

  1. Herzbericht 2022: Herzrhythmusstörungen | Herzstiftung. https://herzstiftung.de/service-und-aktuelles/presse/pressemitteilungen/herzbericht-2022-herzrhythmusstoerungen.
  2. DocCheck Flexikon: Vorhofflimern. https://flexikon.doccheck.com/de/Vorhofflimmern.
  3. Veltmann, C. et al. Wearable-basierte Detektion von Arrhythmien: Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Kardiologe 15, 341–353 (2021).
  4. Mit der Smartwatch Vorhofflimmern erkennen | Herzstiftung. https://herzstiftung.de/infos-zu-herzerkrankungen/herzrhythmusstoerungen/vorhofflimmern/vorhofflimmern-diagnose-smartwatch.
  5. Doherty, C., Baldwin, M., Keogh, A., Caulfield, B. & Argent, R. Keeping Pace with Wearables: A Living Umbrella Review of Systematic Reviews Evaluating the Accuracy of Consumer Wearable Technologies in Health Measurement. Sports Med 54, 2907–2926 (2024).
  6. Singh, B. et al. Real-World Accuracy of Wearable Activity Trackers for Detecting Medical Conditions: Systematic Review and Meta-Analysis. JMIR Mhealth Uhealth 12, e56972 (2024).
  7. Babu, M., Lautman, Z., Lin, X., Sobota, M. H. B. & Snyder, M. P. Wearable Devices: Implications for Precision Medicine and the Future of Health Care. Annu. Rev. Med. 75, 401–415 (2024).
  8. Verordnung (EU) 2017/745 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2017 über Medizinprodukte, zur Änderung der Richtlinie 2001/83/EG, der Verordnung (EG) Nr. 178/2002 und der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 und zur Aufhebung der Richtlinien 90/385/EWG und 93/42/EWG des Rates (Text von Bedeutung für den EWR. ). OJ L vol. 117 (2017).
  9. Perez, M. V. et al. Large-Scale Assessment of a Smartwatch to Identify Atrial Fibrillation. N Engl J Med 381, 1909–1917 (2019).
  10. Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), BMG. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/digitale-versorgung-gesetz-dvg.html.
  11. DiGA-Verzeichnis. https://diga.bfarm.de/de.